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Hintergrundinformationen

Zusätzliche Informationen zum Projekt und den Hintergründen:

Projektorganisation
Die Projekt- oder Steuergruppe des Projekts besteht aus Mitgliedern des Vorstands des Vereins Netzwerks Schulische Bubenarbeit NWSB sowie Delegierten der Partnerorganisationen. Die Projektleitung hat der Geschäftsleiter des NWSB.

Das Projekt wird vom Eidg. Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann im Rahmen der Finanzhilfen zum Gleichstellungsgesetz unterstützt.

Projektziele
1.Verbesserung des Rufs der Berufe des Kindergärtners bzw. des Unterstufenlehrers bei den Zielpublika.
2. Erhöhung des Anteils der Männer, die diese Berufe wählen.
3. Entwicklung und Produktion von Informationsträgern, die sich primär an Männer in pädagogischen Ausbildungen und im Berufsfindungsprozess richten. Die Sensibilisierung für die pädagogischen Kompetenzen auf dieser Stufe und die Wichtigkeit der Präsenz auch von Männern auf der Unterstufe und im Kindergarten sind Inhalt der Informationsträger.
4. Männer sollen motiviert werden, geschlechtsatypische Ausbildungen und Berufe zu ergreifen.
5. Nachhaltige Beeinflussung der Disskussion dieser Thematik in der Öffentlichkeit und Stärkung des Bewusstseins, dass nur eine Schule, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Geschlechter reflektiert und thematisiert, unseren Kindern - Mädchen genauso wie Buben - gerecht werden kann.

Zielgruppen
1.) Männer, die sich für einen pädagogischen Beruf entschieden, aber die Stufe noch nicht festgelegt haben. Es handelt sich hierbei üblicherweise um diejenigen Männer, die ihr Studium an einer Pädagogischen Hochschule (PH) erst kürzlich angefangen haben.
2.) Männer, die sich für einen akademischen Beruf interessieren, aber die Richtung noch nicht gewählt haben, z.B. Gymnasiasten im letzten Jahr, Quereinsteiger, Besucher der Berufsberatung.
3.) Personen, die diese Männer in der Berufsfindung beraten: Mitarbeitende der Berufsberatungsinstitutionen, gymnasiale Lehrkräfte, Dozierende der PHs, Gewerkschaften.
Zur Zielgruppe zählen wir aber auch die allgemeine Öffentlichkeit: Hier soll Bewusstseinsarbeit geleistet werden, und damit Stereotypen über Männer in pädagogischen Berufen abzubauen helfen. Auch die Lehrerinnen- und Lehrerverbände, Gewerkschaften sowie deren Mitglieder und die Gleichstellungsbüros sind für die ideelle Unterstützung und die politische Arbeit wichtig.

Infoträger
Es sind diverse Infoträger erarbeitet worden, die zum Ziel haben, mehr Männer für die Berufe
des Kindergärtners und des Unterstufenlehrers zu motivieren. Diese Infoträger liegen jetzt vor und können bei der Trägerschaft bestellt werden: eine DVD mit fünf Portraits von Unterstufen- und Kindergartenlehrern, eine Broschüre als Leporello (auch als Plakat zum Aufhängen gedacht in Schulen, Kindergärten, Berufsberatungen, Gymnasien, Pädagogischen Hochschulen usw.) und eine Postkartenserie mit den 4 Sujets aus dem Leporello.
Eine projekteigene Website, welche die beiden Berufe für Männer attraktiv beschreibt, ist aufgeschaltet und wird laufend ausgebaut.

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Rückzug der Männer aus dem Lehrerberuf
In den letzten 30 Jahren ist ein massiver Rückgang der männlichen Lehrpersonen aus der Unter- und Mittelstufe zu beobachten. So betrug der Anteil der Lehrer in der Primarschule laut dem Bundesamt für Statistik BfS im Schuljahr 2007/08 20,3%, im vorschulischen Bereich gar nur 4% (siehe Statistik unten). Es lässt sich konstatieren, dass dieser Anteil tendenziell sinkt, je jünger die zu unterrichtenden Kinder sind. Historisch gesehen haben Männer auf vielen Stufen der Schule früher praktisch eine Monopolrolle innegehabt. Es ist sicher ein Gewinn, dass Frauen eine grosse Rolle in der Schule spielen. Bisher sind sie überwiegend in den status- und lohntieferen Stufen (Kindergarten und Primarstufe) zu finden. Das verbreitete Vorurteil, dass Männer für die häusliche Erziehungsarbeit und die berufliche Arbeit mit jüngeren Kindern nicht geeignet sind, zeigt sich in dieser Entwicklung; ihm soll konstruktiv entgegengetreten werden.
Der mit dieser Entwicklung einhergehende "Exodus" männlicher Lehrpersonen aus der Unterstufe ist aus der Perspektive der Gleichstellung der Geschlechter nicht zu begrüssen.

Sowohl für Knaben wie auch für Mädchen ist es wichtig, eine möglichst breite Palette gelebter Frauen- resp. Männerbilder beobachten, nachahmen und reflektieren zu können.
Diesen Rollen-Vorbildern begegnen die Kinder nicht nur zu Hause, in ihrer Nachbar- und Verwandtschaft sondern ab dem 5. Lebensjahr primär in der Schule bzw. im Kindergarten.
Manche Frauen fragen sich, inwiefern sie ohne männliche Kollegen gewissen, insbesondere verhaltensauffälligen Buben vollkommen gerecht werden können, die zu Hause keine oder schlechte männliche Vorbilder erleben.
Schulische Bubenarbeit kann grundsätzlich von Männern und Frauen gemacht werden; doch können Männer eine wichtige Rolle spielen und stehen unserer Meinung nach dabei in erster Linie in der Pflicht. So wie den Buben echte Männlichkeitsbilder in der Unterstufe und im Kindergarten fehlen, so fehlen männlichen werdenden Lehrpersonen die männlichen Vorbilder in diesen Berufen. Ihre Geschlechtsidentität reflektierende und diese aktiv lebende Männer in der Schule – und ganz besonders in der Unterstufe – wieder vermehrt Fuss fassen zu sehen, ist deshalb eines der Kerninteressen des NWSB. Die in ihm vertretenen Fachmänner setzen ihre Kompetenzen und Ressourcen hierfür ein - in Zusammenarbeit mit dem LCH, den pädagogischen Hochschulen, den akademischen Berufsberatungen und dem VPOD.
Das Projekt „Männer an die Unterstufe!“ bewegt sich also primär im Förderungsbereich „Berufswahl, Aus- und Weiterbildung“, leistet aber auch einen wichtigen Beitrag zur Information und Sensibilisierungsarbeit.

Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter
Unterstufenlehrpersonen sowie KindergärtnerInnen werden weniger respektiert und schlechter belohnt als ihre KollegInnen, die ältere Kinder unterrichten. Sie haben weniger Gewicht in Gremien und bekommen weniger Ressourcen für ihre Arbeit. Das ist typisch für so genannte "Frauenberufe" und wird den Berufsausführenden wie den Kindern nicht gerecht. Weiter prägt diese Situation die Vorstellungen der Schulkinder, welche Arbeit für welches Geschlecht geeignet sei. Unbewusst kann das Entscheidungen über die Arbeitsteilung bei der häuslichen Kinderbetreuung mit beeinflussen: Mutter, Kindergärtnerin, Unterstufenlehrerin. Der Mann erscheint erst an der Mittel- oder Oberstufe. Das Kind reimt sich eine Erklärung zusammen: Männer sind nicht für die Kindererziehung geeignet bzw. Frauen sind dafür prädestiniert.
Dieses Muster liegt an der Basis vieler Hürden für die Gleichstellung und soll auch auf dieser Ebene aktiv angegangen werden. Die Aufwertung und dadurch die Erhöhung der männlichen Beteiligung an der Kindererziehung ist eines der Kernziele der Gleichstellung. Wenn diese Berufe nicht mehr als "Frauenberufe" abgestempelt werden können, wird erfahrungsgemäss der Status und der Lohn längerfristig erhöht (Beispiel: Krankenpflege). Weiter besteht die Angst bzw. das Stereotyp, dass Männer, die sich für die Arbeit mit jungen Kindern interessieren, sexuelle Absichten haben.
Es ist eine Tatsache, dass die pädagogische Familienarbeit noch immer mehrheitlich von Frauen geleistet wird. Viele Väter oder andere männliche Bezugspersonen von Kindern sind entweder physisch abwesend oder psychisch von anderen Dingen absorbiert und neigen dazu, sich ihren pädagogischen Aufgaben zu entziehen. Dies hat zur Folge, dass viele Kinder in ihren ersten zehn Lebensjahren in einer sehr stark von Frauen geprägten Welt aufwachsen und nur sehr wenige prägnante und präsente Männer erleben können. Dies ist insbesondere für die Knaben problematisch: Sie erhalten unter diesen Voraussetzungen (zu) wenig positive Botschaften darüber, was es für sie heissen könnte, ein Mann zu sein und zu werden. Oftmals kann dann das „spezifisch Männliche“, das sie sich aneignen wollen, nur negativ gefasst werden – als das „Nicht-Weibliche“.

Was die Frauen und Mädchen ihnen vorleben oder was ihnen zugeschrieben wird, das lehnen und werten die Knaben aus dieser Unsicherheit hinsichtlich des ihnen Eigenen ab. Die Unsicherheit selbst schreibt sich in die Krise ihrer werdenden Männlichkeit ein.
Doch Männer, die sich zutiefst unsicher darüber sind, was es heisst, ein Mann zu sein, die zudem in der Peer-Group gelernt haben, dass diese Männlichkeit prekär ist und ständig neu bewiesen werden muss, sind in ihrer Grundhaltung Frauen gegenüber oft defensiv bis ablehnend eingestellt.
Die Abwertung von Frauen und die Ablehnung von Massnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter ist teilweise eine Ausdrucksform einer tief eingeschriebenen Verunsicherung hinsichtlich der eigenen geschlechtlichen Identität.
Eine möglichst grosse Vielfalt real existierender Männlichkeiten, die in sozialen Situationen beobachtet und abgewogen werden kann, geben Knaben die Möglichkeit, eigene Verhaltensweisen als „männlich“ zu sehen und auszutesten, die den hegemonialen Vorstellungen nicht entsprechen. Von Männern verschiedene soziale Strategien vorgelebt zu erhalten, erweitert das Spektrum der Verhaltensmöglichkeiten der Knaben und stärkt ihre Gewissheit, dass sie mit ihren Eigenarten und Vorlieben als Männer „okay“ sind. Dies wiederum wirkt sich aus auf ihre Beziehungen und Bewertungen von Mädchen und Frauen – und damit sehr direkt auf die Praxis der Gleichstellung der Geschlechter.

Kontakt und Projektleitung: Netzwerk Schulische Bubenarbeit NWSB
Beat Ramseier, Zentralstrasse 156, 8003 Zürich, 044 825 62 92, pl@unterstufenlehrer.ch, www.nwsb.ch